Und die Reise beginnt…

Sonntag, 19.08.2018 – Montag, 20.08.2018

Verrückt – es ist soweit. Irgendwie hatte ich nie gedacht, dass dieser Tag tatsächlich kommen wird. Morgens war Aufregung da. Eine ganz neue Art von Aufregung, die ich bisher noch nie gespürt habe. Die Angst, die Zweifel sind verflogen. Nils und Anna bringen mich zum Bahnhof. Auf dem Weg zum Bahnhof quatschen wird, als ob es ein Tag wie jeder andere wäre. Als ob wir einfach nur gemeinsam durch die Gegend fahren, mit einem gemeinsamen Ziel und gemeinsamer Rückkehr. Das macht es einfacher für mich. Dann am Bahnhof wird die Stimmung bedrückender. Der Abschiedsschmerz beflügelt mich auf eine merkwürdige Art. Ich bin in einer Art Schockzustand, geschockt über mein Handeln. Auch wenn es sich am Bahnhof noch anfühlte, als ob ich einfach nur zwei Wochen in den Urlaub fahren würde und dann wiederkomme, bin ich mit tief im Inneren total klar darüber, dass es anders ist. Meine Tränen kullern, als ich in den Zug einsteige. Ich will, dass er wegfährt. Ich kann es nicht ertragen, Anna und Nils dort stehen zu sehen. Der Zug fährt los. Das Gleis mit Anna und Nils bleibt dort. Erstaunen und Schmerz mischen sich zu einem merkwürdigem Cocktail. 

Der Zug ist relativ voll. Jedes Abteil ist besetzt. Ich streife durch den Waggon. Dort wird ein Sitzplatz von einem großen Deuter Rucksack besetzt. Daneben ein Mädchen, welches mich liebevoll anlächelt. Ich setzte meinen Rucksack gegenüber den ihren und mich gegenüber ihr. Sie schenkt mir ein Taschentuch und ein Lächeln. Wir unterhalten uns. Es tut gut. Ich fühle mich bereits jetzt auf meiner Reise angekommen. In Hameln steigt sie bereits aus und ich bin alleine. Die Landschaft zieht an mir vorbei. Die Schönheit, die ich in den letzten Monaten darin gefunden habe, ist zu Ödnis und Langeweile geworden. Ich spüre mehr als jemals zuvor, dass ich ganz genau meinen Weg gehe. 

Die Vorstellung etwas zu tun ist angsteinflößender, als es wirklich zu tun. 

Aussteigen in Hannover. „Erste Etappe nach Australien geschafft!“ denke ich mir. Ich streiche ziellos durch den Bahnhof, sehe mehr von ihm, als ich jemals zuvor gesehen habe. Und plötzlich ist dann schon mein ICE da. Die Zeit verflog einfach. Der ICE ist so voll, dass ich nur noch einen Sitzplatz auf dem Boden direkt vor der Tür bekomme. Irgendwie gefällt mir das. Ich höre Musik. Ich mache die Musik aus. Ich beobachte die Menschen um mich herum. Ich stehe auf. Ich setzte mich hin. Ich versuche aus dem Fenster zu schauen. Ich beobachte die Menschen. Ich hole meinen Laptop raus. Ich packe ihn wieder ein. Ich starre Löcher in die Luft. Dann erspähe ich die ersten Flugzeuge in der Luft. Wir kommen Frankfurt näher. Ich spüre die große Sehnsucht und Freude in mir. 

In Frankfurt angekommen, gehe ich wie ferngesteuert zu meinem Terminal. Meine Füße tragen mich ohne mein Zutun. Alles läuft automatisch, ich bin nur Beobachterin. Sabrina geht zum Check-in. Plötzlich ist am Eingang lautes Geschrei zu hören. Unbeeindruckt legt sie ihren Rucksack aufs Gepäckband. Sie zeigt der Air India Mitarbeiterin ihren Reisepass. Zwei Dutzend Polizisten kommen herbei gerannt. Die Dame am Check-in kreist Gate und Boardingzeit auf dem Boardingpass ein, sie erklärt etwas, Sabrina nickt. Am Schalter nebenan unterhalten sich drei Frauen darüber, dass sich zwei Leute um einen Rucksack gestritten haben. Sabrina nimmt ihren Pass und die Boardingkarten und geht. Sie geht durch die Sicherheitskontrolle, sie geht durch die Passkontrolle, sie geht durch die langen Gänge des Flughafens, sie geht an unzählig stickenden Läden mit überteuertem Luxuskram vorbei, sie füllt ihre Wasserflasche, trinkt zwei Liter Wasser und ihre Füße laufen eine Stunde durch den Terminal – immer hin und her. Bloß nicht sitzen, kein Stillstand. Es ist Zeit fürs Boarding. Die Menschen drängen sich in eine endlos lange Schlange. Sabrina schaut ihnen zu. Sie steht einfach nur daneben. Schaut sie dem Geschehen zu? Schaut sie hindurch? Plötzlich ist die Schlange weg, Sabrinas Füße steuern sie zum Schalter, ins Flugzeug, zum Sitzplatz 27J, Fensterplatz über der Tragfläche – wie immer. Der Sitznachbar Mahi fängt eine Unterhaltung an, aus Sabrinas Mund kommen geistesabwesend Worte. Sie schaut The Lion King, schläft dabei ein. Isst aus Versehen eine viel zu scharfe Chilischote, schüttet einen Becher Wasser über Mahi, schläft, wacht auf, kann nicht mehr schlafen. Nur einen kurzen Augenblick später, gehen Mahi und Sabrina von einem Flugzeug zum nächsten, Verabschiedung, Sabrina geht alleine weiter. Es wirkt, als ob im Flughafen Delhi die Zeit die letzten 3 Jahrzehnte keinen Einfluss hatten. Es muffelt ein bisschen und die meiste Arbeit erfolgt manuell. Komisch wie schnell die Abwesenheit eines Ganzkörperscanners auf einmal ein mulmiges Gefühl auslösen kann. Sicherheitskontrolle – „Lighter are not allowed!“ ruft der Sichterheitsbeamte. In diesem Augenblick erstarrt Sabrina „Fuck! Da ist noch Wasser in meiner Flasche.“ Panisch suchen ihre Augen nach einer Möglichkeit die Flasche zu entleeren. Nichts. Bange Momente, in denen sie in einem separaten Raum für Frauen abgetastet wird. Der Korb mit der Wasserflasche ist durch den Scanner durch, der Mann vor dem Bildschirm stutzt, fährt die Kiste zurück, schiebt sein Kinn Richtung Monitor, die Kiste kommt wieder raus – „Puh! Glück gehabt!“ – und das Band fährt nochmal zurück. Sabrina nimmt ihre Sachen samt gefüllter Wasserflasche und ihre Füße steuern in Richtung Gate, vorbei an stinkenden Länden mit überteuertem Luxuskram, ihre Füße laufen erneut durch das Terminal – hin und her. Wie eben, vorhin 9 Stunden und 6.000 km entfernt in einem anderen Flughafen, in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent. 

Bald darauf bin ich endlich da, ich sitze am Gate, schaue mich kurz um, es liegt eine erwartungsvolle Ungeduld in der Luft, die Sitze sind belegt mit jungen Leuten, die meisten allein, alle wie ich. Wir sind nicht allein. Ich bin voll da und gehe bewusst zum Schalter, zeige meinen Boardingpass, und betrete das Flugzeug. Das strahlende lächeln von Talya begrüßt mich. Ich setzte mich hin – Platz 27A, Fensterplatz über der Tragfläche – wie immer. Sofort kommen wir in ein wunderbares Gespräch über Geschwister und Familie, Religion und Ernährung, über Israel und dem Krieg, sie erzählt mir wie sich die Sirene anhört, die erklingt, wenn sie nur wenige Sekunden Zeit hat sich in den Saferoom zu begeben, wie sich Bomben anhören. Da ist sie. Die wahre Welt, die ich kennenlernen möchte. Israel und der Gazastreifen sind ein fester Punkt in den Nachrichten seit ich denken kann. Doch bin ich geschockt von Talyas Erzählungen. Wieder einmal mehr wird mir bewusst, was für ein verdammtes Glück ich habe in Deutschland geboren zu sein. Einfach nur Glück. Das ist kein Verdienst, das ist kein Privileg, ich bin nicht besser als sie. Es ist Glück zu der Kultur zur gehören die in einer ungerechten Welt richtet statt das Unrecht zu erfahren. Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich, dass ich in meinem Leben keine Todesangst erfahren muss, dass ich noch nichtmal weiß, wie sich eine Bombe anhört. Ich schäme mich, weil Todesangst, Bomben, Krieg und Terroristen zu ihrem Alltag gehören. Sie glaubt nicht an Frieden. 

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