Reisedepression

Disclaimer: Diesen Text habe ich vor geraumer Zeit verfasst. Mangels Internetzugang konnte ich ihn zu dem Zeitpunkt aber nicht online stellen. Die Gedanken, Gefühle und Worte entsprechen nicht mehr hundertprozentig meinem jetzigen. Dennoch veröffentliche ich den Text der Vollständigkeit halber.

Morgens will ich nicht aufstehen, nach dem frühstück will ich mich wieder ins Bett legen, ich bin müde, ich bin schlapp und abgeschlagen, mein ganzer Körper ist kraft- und energielos, ich will einfach nur schlafen – den ganzen Tag. Ich bin froh, wenn es wieder Abend ist und es gesellschaftlich akzeptabel ist, wieder ins Bett zu gehen. Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich, dass ich in Australien bin und doch nichts von diesem Land sehen oder hören will. Ich will in meiner kleinen dunklen Welt sein. Ich will für mich sein. Ich will, dass es vorüber geht. 

Vorhänge zu, Bettdecke über den Kopf, die Welt soll draußen bleiben.

Ich kenne das. Ich kenne diese Gefühle nur zu gut. „Hallo Depression, alter Freund! Lange nichts mehr von dir gehört. Du auch hier in Australien? Das ist ja ein Zufall.“ Reisen ist eben doch kein Weglaufen. Reisen ist eine Arschbombe mit Anlauf rein in das tiefe Gewässer des eigenen Seins, pur und unverfälscht. Es ist nichts mehr da, womit ich mich ablenken kann und ich versinke immer tiefer in meinen eigenen See. 

Reisen? Was bedeutet eigentlich reisen? Bin ich gerade wirklich am reisen? Oder lebe ich einfach nur einen ätzenden Alltag am anderen ende der Welt? Ist es wirklich das Reisen, was mich runter zieht oder ist es mein Alltag? Doch, um aus diesem Alltag auszubrechen, fehlt mir die Kraft. An meiner Zellenwand kritzeln ich bereits die Strichliste. 40 Tage noch bis zum Ausbruch. 40 endlos lange Tage, bis der Alltag vorbei ist. 40 Mal morgens aus dem Bett quälen, bis mein Leben beginnt. 

Doch dann? Was ist danach? Was ist nach dem Roadtrip? Da stecke ich dann doch wieder in einem erdrückendem Alltag fest? Arbeiten auf einer Rinderfarm oder Perlenfarm oder wird es schlussendlich doch das Gemüsepflücken? Ich weiß es jetzt noch nicht, aber jede Option erscheint mir wie ein neues Gefängnis. Eine 88 Tage lange Gefangenschaft um 365 Tage mehr Freiheit erlangen zu können.* 

Das Warten auf etwas besseres hört nie auf. 

„Ich werde glücklich sein, wenn ich mit der Schule fertig bin.“ 

„Ich werde glücklich sein, wenn ich endlich meine eigene Wohnung habe.“ 

„Ich werde glücklich sein, wenn meine Ausbildung zu ende ist.“ 

„Ich werde glücklich sein, wenn ich in Australien bin.“ 

 

„Ich werde glücklich sein, wenn mein Roadtrip beginnt.“

„In meinem zweiten Jahr in Australien, dann werde ich aber ganz bestimmt glücklich sein.“

Achtung Spoiler! Es wird nicht so kommen. Glück ist nicht an äußere Bedingungen geknüpft. Glück kommt von innen. Äußere Bedingungen können zweifelsohne das Innere stützen, aber niemals wird man allein von der Änderung der Situation glücklich. Wie also kann ich das Glück in mir finden? Bin ich da jetzt an meinem Kern von „ich gehe Reisen, um mich selbst zu finden“ angelangt? 

Fragen über Fragen und nur wenige Antworten. Die Antworten werden kommen, da bin ich mir sicher. Irgendwann werden sie da sein. Niemand, vor allem nicht ich, kann wissen, wie lange es dauern wird, bis sie mir erscheinen. Bis dahin besteht meine Aufgabe darin, gut für mich zu sorgen. Es ist okay, dass es mir nicht gut geht. Es ist okay, den Tag im Bett zu verbringen. Es ist okay, da es das ist, was im Moment da ist. Auf meinem Weg durch das Leben gibt es die schönsten Blumenwiesen, es gibt die höchsten Gipfel und genauso gibt es tiefe Täler und düstere Höhlen. Ich habe keine Angst mehr vor der Dunkelheit. Sie lässt das Licht noch heller erstrahlen. 

Es ist schon witzig, dass es immer anders kommt, als man denkt. Ich muss ja ganz ehrlich zugeben, dass ein kleiner teuflischer Gedanke war, dass ich mit den Geschichten, die ich auf diesem Blog veröffentlichen werde, zeigen werde, wie phänomenal gut es mir geht, wie fabelhaft toll alles ist und ja, vielleicht ein bisschen Neid auszulösen. Stattdessen ist es eben so, wie es ist. Find ich witzig! (Und, wie wir alle wissen, sind witzig und nicht witzig die einzig verbleibenden Kategorien der Postmoderne. Danke, liebes Känguru.) 

Mit dem Gedanken werde ich mich nun im Pool treiben lassen. Tschüss! 

 

* Um ein weiteres Working Holiday Visum beantragen zu können, muss ich 88 Tage „spezifischer Arbeit“ in einem „spezifischen Gebiet“ ableisten. Damit ist dann Sklavenfarmarbeit im ländlichen Raum gemeint. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s