Zukunft

Disclaimer: Diesen Text habe ich vor geraumer Zeit verfasst. Mangels Internetzugang konnte ich ihn zu dem Zeitpunkt aber nicht online stellen. Er ist so semiaktuell. Der Vollständigkeit halber veröffentliche ich ihn einfach.

Gestern hatte ich noch Angst vor meiner Zukunft. Und nein Papa, damit ist nicht meine Altersvorsorge gemeint. Nein Mama, auch eine Rückkehr nach Deutschland meine ich damit nicht. Meine Zukunft besteht aus Sorge um ein sogenanntes Second Year Visa. 

Das zweite Working Holiday Visum in Australien ist an Bedingungen geknüpft. Da sind einmal die üblichen, leicht zu erfüllenden Bedingungen, wie das entsprechende Alter und Straffreiheit. Check! Aber dann möchte die Australische Regierung, dass man im ersten Jahr 88 Tage nutzt um sich die Hände schmutzig zu machen. Die meisten Backpacker machen Fruitpicking. Die, die viel Geld verdienen wollen gehen auf Solarfarms. Diejenigen, die auf eine einzigartige Erfahrung aus sind, gehen auf eine Rinderfarm. Und was mache ich? Keine Ahnung. 

Ganz ehrlich muss ich gestehen, dass mich die Erfahrung auf einer Rinderfarm zu arbeiten reizt. Ich habe die romantische „McLeonds Daughters“-Vorstellung, dass ich kleine Jillaroo (so nennt man ein australisches Cowgirl) auf meinem Pony in den Sonnenuntergang reite, vor mir die Weite des australischen Outbacks und mein niedlicher Hund sorgt aufmerksam dafür, dass alle Rinder zusammen bleiben. Ende. 

Fruitpicking ist mir irgendwie zu Mainstream. Gerade, weil ich vegan lebe, möchte ich aus erster Hand erfahren, wie Fleisch „produziert“ wird. Ich will mich dem stellen, mir meine eigene Meinung bilden und dann kann mir nachher keiner der missionierenden Fleischesser mehr sagen, dass ich ja keine Ahnung habe und nur PETA hinterherlaufe. Vielleicht werde ich durch die Arbeit auf einer Rinderfarm wieder zum Fleischesser, vielleicht werde ich das, was ich dort erleben werde aber auch gar nicht mit meinen ethischen Werten vereinbaren können. Es ist meine größte Angst, dass ich etwas machen muss, weil es dann eben mein Job ist, was in meinen Augen gröbste Tierquälerei ist.

Kann ich wider meinen Werten handeln, um ein Jahr länger in Australien bleiben zu dürfen? Wie viel ist es mir Wert? Ich könnte auch auf einer Perlenfarm arbeiten. Ist Muscheln töten „besser“ als Rinder? Oder wie sieht es mit einem Milchbetrieb aus? Dort werden Kühe immerhin „nur“ ausgebeutet, statt getötet. Lasse ich mich auf das Glücksspiel mit einer Solarfarm ein? Oder lasse ich mich am besten beim Mangopicking ausbeuten? 

Als ich nach Australien gekommen bin, habe ich mir gesagt, dass ich meine Farmarbeit so schnell wie möglich, gleich zu beginn ableisten werde, um es einfach gemacht zu haben, falls ich ein zweites Jahr bleiben möchte. Nun bin ich fast ein halbes Jahr hier und habe noch nichts (okay, ein paar Tage habe ich beim Cherry Packing gesammelt, aber nicht wirklich nennenswert), außer den festen Entschluss, ein weiteres Jahr Down Under zu bleiben. Nun bekomme ich Ende Februar Besuch und wird roadtrippen erstmal für sieben Wochen quer durch Australien. Dann ist bereits Mitte April und anderer Besuch erwartet mich bereits. Ab Mai habe ich dann also 3,5 Monate Zeit um die geforderten 88 Tage abzuarbeiten, bis dann Mitte August mein Visum ausläuft. Wird knapp! 

Somit habe ich mich der Freiheit beraubt meinen Job aussuchen zu können. Ich will ein weiteres Jahr in Australien bleiben. Ich will und ich muss. Nicht einmal kam mir der Gedanke, in ein anderes Land weiter zu ziehen, schon gar nicht nach Deutschland. In Australien zu bleiben fühlt sich einfach so richtig an, dass ich diese Entscheidung überhaupt nicht in Frage stelle. Ich habe also keine Wahl und werde den Job machen, den ich bekommen werde. 

Nun, da ich zu diesem Schluss gekommen bin, breitet sich eine Gelassenheit und ein Friede in mir aus. Egal was ich machen werde, ich werde daraus einzigartige Erfahrungen und wertvolle Erkenntnisse mitnehmen. Somit wird alles richtig sein, es wird mir die Möglichkeit geben zu lernen und zu wachsen und das alles kann mir in meinem Leben als Wegweiser dienen. Und wenn ich ein Rind töten muss, und daraus lerne, wie stark meine Werte in mir verankert sind, so ist es das wert um weiterhin den Schutz aller Tiere ganz oben auf meiner Prioritätenliste zu setzen. Weiterhin und mit einer noch größeren Gewissheit, das richtige zu tun, werde ich dann keine Tiere essen. Das Ziel heiligt die Mittel? Da ich gestern eine Quasi-Zusage (mehr Verbindlichkeit kann man in Australien nicht erwarten) von einer Rinderfarm erhalten habe, denkt an mich, wenn ihr in Zukunft euer Steak esst. 

Die Angst ist Geschichte. Die Neugier auf neue Abenteuer ist wieder da. 

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