Als ich mich verliebte

Seit über 5 Monaten sehe ich nun schon Dinge, die ich bisher, wenn überhaupt, irgendwo zuvor im Internet, auf Reiseblogs, in YouTube Videos oder in Dokumentationen, gesehen habe. Ich stehe vor weltbekannten Gebäuden, ich atme die unendliche Weite eines Regenwaldes, in der endlosen dürren Landschaft des Outbacks geht am Horizont die Sonne immer wieder auf und unter, die Größe der Klippen am Pazifischen Ozean kann ich gar nicht begreifen.

Und doch fühle ich nichts.

Unwillkürlich, in einem kurzen Moment eines Nervenzusammenbruchs, entscheidet sich etwas in mir, dass ich weg muss. Wider aller Vernunft (ich muss mein Geld doch schließlich für den großen Roadtrip sparen), erkläre ich meinen Boss, dass ich ein paar freie Tage brauche.

Und dann sitze ich auch schon im Auto. Halbherzig fahre ich los, verlängere die Strecke künstlich, indem ich jede Stunde anhalte, um noch mehr oder weniger unnötige Besorgungen zu machen. Nachmittags komme ich irgendwo im Blue Mountains National Park an. Es ist bereits zu spät, um noch auf Erkundungstour zu gehen. Somit steuere ich den nächstgelegenen kostenlosen Campingplatz an. Nachdem ich von der Hauptstraße abbiege, erwartet mich 10 km Dirt Road. Soweit nichts neues. Daran habe ich mich in Australien schon gewöhnt. Unbeeindruckt fahre ich die ersten Kilometer im dichten Eukalyptuswald. Plötzlich lichten sich die Baumreihen, meine Augen weiten sich, meinem Mund entweicht ein leises „Wow!“ und er bleibt danach einfach offen stehen. Dieser Moment… ja dafür fehlen selbst mir die Worte. Es ist so atemberaubend schön, egal in welche Richtung ich mich drehe, überall – bis zum Horizont und noch weiter – unberührter Wald. Dazwischen erkenne ich die steilen Felswände der Sandsteinberge (Achtung hier kommt ein Klugscheißer! Genau genommen handelt es sich um ein Sandsteinplateau, in welches sich Wasserfälle und Flüsse über tausende Jahre tief – wirklich tief – eingegraben haben). Die Luft ist so pur und gesättigt mit Eukalyptus, mit Sauerstoff und viel viel Energie. Wow!

Am nächsten Tag fahre ich dann widerwillig zu dem Touristen Hot Spot, der berühmtesten Steinformation in den Blue Mountains – die 3 Sisters. Die drei Felsen erinnern mich auf Fotos an die Externsteine und es gibt unzählige Fotos davon. Gefühlt fährt ein jeder dort hin, macht ein Selfie vor den drei Geschwistersteinen, daraufhin einen Haken hinter dem Punkt ‚Blue Mountains‘ auf der Bucket List und weiter gehts. Solche Orte schrecken mich eher ab und ich meide sie… eigentlich. Aber aus irgendeinem Grund habe ich sogar $ 4.40 Parkgebühr gezahlt, nur um diese Steine zu sehen.

Ich bahne mir also meinen Weg durch die Menschenmassen auf der Aussichtsplattform und – oh mein Gott… meine Augen füllen sich mit Tränen, ich bekomme Gänsehaut, ich erstarre vor Ehrfurcht. Die Blue Mountains haben mich. Ich bin aber sowas von verknallt.

Eine kleine Ewigkeit (die Ewigkeit meines Parktickets) stehe ich einfach nur da. Ich scanne jeden Millimeter dieses Ausblicks. Ich spüre die Energie und Magie. Ich sauge alles in mir auf. Rechts und links neben mir kämpfen Touristen um den besten Selfieplatz. Eine Zeit lang schaue ich belustigt einem Mann zu, der in der einen Hand sein Handy samt Selfiestick hält und mit der anderen Hand ägyptisch anmutende Bewegungen macht. Vermutlich soll es auf dem Foto so aussehen, als ob er seine Hand unter oder auf den Three Sisters hält. Mir ist das egal. Ich genieße einfach nur den Ausblick und weiche für niemanden, der nur kommt, um ein Foto zu machen.

Von diesem Moment an, war es um mich geschehen. Plötzlich ist alles schön. Ich sehe die Schönheit nicht nur, ich fühle sie. Selbst auf meinem Weg zurück nach Hause hat mir die Schönheit der Landschaft, die ich zuvor schon hunderte Male gesehen habe, Tränen in die Augen getrieben.

Ich habe mich in Australien verliebt.

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