Mein Au Pair Fazit

Bald geht meine Reise weiter und ich kann das Kapitel „Au Pair“ hinter mir lassen. Ich freue mich total, dass ich endlich weiter ziehen kann. Den Drang wieder in Bewegung zu kommen, habe ich schon seit zwei Monaten. Somit verlasse ich die Familie ganz klar mit zwei lachenden Augen. Die 4 1/2 Monate habe ich viel lernen dürfen – über Australien, über die Menschen, über die Kultur, über das Leben und vor allem über mich. 

Nie wollte ich in Australien als Au Pair arbeiten. Ich wollte neue Erfahrungen machen und vor allem raus aus meiner Komfortzone, mich herausfordern, wachsen und lernen. Diese Möglichkeit sah ich in dem Job als Au Pair nicht. Die Erfahrung mit Kindern zu arbeiten habe ich bereits durch meine Zeit als Voltitrainerin machen dürfen. Damit hatte ich hinter „Arbeiten mit Kindern“ einen Harken gemacht. Aber – sag niemals nie – plötzlich fand ich mich als Au Pair in einer Familie mit drei Kindern wieder. 

Wie ist es dazu gekommen? Wie ist aus einem „auf gar keinen Fall eine fucking Nanny sein“ mehr als vier Monate Au Pair Zeit geworden?

Ganz ehrlich gesagt, es war der einfachste Weg für mich. Mit dem Kauf von Lulu hatte ich kein Geld mehr und plötzlich sah ich mich für Au Pair Jobs bewerben. Es ist zwar kein gutes Geld, das man als Au Pair verdient, aber es ist ein relativ sicherer und einfacher Job, dachte ich… 

Spätestens als dann Mabel am zweiten Tag eine halbe Stunde aus Trotz geweint hat und erst aufhörte, als sie bekam, was sie wollte, wusste ich, dass diese Kinder anders sind, als ich es gewohnt bin. 

Die Unterschiede zweier Kulturen werden erst so richtig deutlich, wenn man in einer Familie mit Kindern lebt. Die Kinder sind noch nicht von anderen Menschen, anderen Kulturen, durch Filme und das Internet beeinflusst. Sie sind genauso, wie es in dem Land üblich ist. 

Auch wenn sich die australische und deutsche Kultur auf den ersten Blick sehr ähnlich sind, könnten die Unterschiede in der Mentalität kaum größer sein. Während in Deutschland großen Wert auf Regeln und Ordnung gelegt wird, könnte das in Australien kaum von geringerer Bedeutung sein. In Deutschland wird Kindern zu aller erst beigebracht, wie sie sich zu benehmen haben, dass man Personen grüßt, bitte und danke sagt und Sachen wieder wegräumt. In Australien hingegen wird Kindern viel Freiraum gelassen, sie spielen und experimentieren, sie werden in ihren individuellen Persönlichkeiten gestärkt und Selbstständigkeit wird gefördert. Das hinterlässt Chaos. Aufräumen ist nebensächlich. 

Das klingt vielleicht jetzt dramatischer, als es in Wirklichkeit ist. Dennoch kann ich eben nicht anders, als gekränkt sein, wenn mir morgens jemand nicht „Good morning“ wünscht. 

Nun kann ich nach über vier Monaten als Au Pair nur darüber lachen, dass ich dachte, es wäre ein einfacher Job und schon gar keine Herausforderung. Noch nie hat mich ein Job so sehr an meine psychische Grenze gebracht. Geduldig sein, Grenzen setzten, pädagogisch wertvoll handeln, ein Vorbild sein, Essen machen, Wäsche waschen, spielen, putzen, aufräumen, erklären, loben, schimpfen, in das Familienleben einfinden, Verantwortung übernehmen, und das alles in einem fremden Land in einer fremden Sprache in einer fremden Familie. (Erstaunlicherweise hat schimpfen übrigens einen größeren Effekt, wenn ich es in Deutsch mache. Die Kinder sind dann nur etwas angepisst, dass ich nicht Englisch rede und sie mich nicht verstehen („That’s not fair!“). Aber sie wissen ganz genau, was gemeint war. Es kommt eben doch auf die Tonlage an und diese scheine ich in meiner Muttersprache besser zu treffen.)

So schnell werde ich nicht wieder als Au Pair arbeiten. Ich scheue harte Arbeit nicht – doch gibt es hunderte anderer Möglichkeiten meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da wäre ich schön blöd, wenn ich den Job wähle, der mir bisher am wenigsten Spaß gemacht hat. Meinen Bürojob in Deutschland habe ich aufgegeben, weil ich keinen Spaß daran hatte und dann stecke ich hier wieder in einem Job fest, der mir morgens nach dem Aufstehen bereits Kopfschmerzen verursacht?! Irgendwie habe ich da etwas falsch gemacht. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. 

Aber (auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole) passiert nichts ohne Grund. Bereits jetzt kann ich sehen, dass mir diese Zeit viel gebracht hat. 

Mehr Ehrlichkeit 

In Zukunft werde ich ehrlicher zu mir und anderen sein. Ehrlich zu mir zu sein und mir einzugestehen, dass das, was ich gerade tue einfach nicht meins ist. Hunderte anderer Menschen mögen mit den Sachen, die für mich quälend sind, vielleicht kein Problem haben. Hunderte anderer Menschen, würden genau das Leben lieben, was ich gerade als unerträglich empfinde. Doch das bedeutet nicht, dass es mir genauso ergehen muss. Wir sind alle unterschiedlich und das ist gut so. Es ist gut, dass es Menschen gibt, für die das Leben als Au Pair eine Lebenstraumerfüllung ist und es gut, dass es Menschen gibt für die es die Erfüllung der persönlichen Hölle ist. Wenn alle auf den Job als Au Pair abfahren würden, hätten wir kaum noch genug Kinder zum aufpassen. 

Genauso wichtig wie die Ehrlichkeit zu mir, ist die Ehrlichkeit zu anderen – und zwar auch unbedingt zu den richtigen Personen. Es ist schön und gut, dass meine Schwester, meine Freunde, meine Eltern zu Hause wissen, wie sehr ich mein Leben als Au Pair hasse. Doch können sie mir nicht wieder helfen. Hätte ich hingegen mit Sheree und Trent mal darüber gesprochen, hätten sie mir helfen können die Situation zu ändern und more enjoyable für mich zu machen. 

Mehr Scheitern

Ich muss mich nicht durch etwas durchbeißen. Aufgeben ist immer eine Option und auf gar keinen Fall eine Schwäche. Es ist sogar ein Zeichen von Stärke und Mut, sich einzugestehen, dass man etwas nicht weiter machen möchte. Alternativen zu finden ist anstrengender als einfach weiter zu machen. Versteh mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass man sofort das Handtuch schmeißen sollte, wenn es mal nicht so rund läuft. Jede Herausforderung ist Chance zu wachsen. Doch wenn es nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Qual ist, dann ist das einfach nicht dein Weg, du befindest dich in einer Sackgasse und solltest nach anderen Pfaden Ausschau halten. 

Somit werde ich das nächste Mal, wenn ich in einer Situation stecke, in der ich einfach nicht stecken will, aus dieser Situation raus gehen und etwas neues finden. 

Mehr Klarheit

Es gibt einen Grund, warum ein jeder von uns auf dieser Welt ist. Nur wird uns zu Beginn keine Bedienungsanleitung ausgehändigt. So liegt es an uns, den Sinn unseres Lebens selbst zu finden. Durch das Reisen habe ich die großartige Möglichkeit mich intensiver damit zu beschäftigen und so für mich herauszufinden, was meine Aufgabe in diesem Leben ist. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mir sehr gut vorstelle können, dass meine Aufgabe darin bestehen könnte Kindern etwas zu geben, ihnen zu helfen, zu lehren, irgendwas it Kindern eben. Doch nun kann ich mit 100%iger Gewissheit sagen, dass es das auf keinen Fall ist. Auch wenn die ganze Sache mit dem Sinn des eigenen Lebens etwas esoterisch klingt, so kommt er selten in einer plötzlichen Eingebung oder Vision daher. Ganz pragmatisch und unesoterisch bringt einen trial and error – also das gute alte Ausschlussverfahren – weiter. In meiner Zeit als Au Pair durfte ich herausfinden, dass meine Zukunft nicht darin bestehen wird, mit Kindern zu arbeiten und zudem, als Bonus sozusagen, habe ich meine Vorstellung von meiner Lebensaufgabe mehr ausbauen und visualisieren können. 

Mehr Rücksichtnahme

Die Kinder waren der beste Spiegel für mich. Sie haben mir verdeutlicht, dass ich alles gerne ganz genau so habe, wie ich es will. Wenn ich nicht bekomme, was ich will, werde ich zickig. 

Hier sind nun vier starke und sture Charaktere aufeinander geknallt. Jede einzelne von uns wollte Recht haben. Jede einzelne von uns wollte als alleinherrschende Königin dieses Königreich regieren. Für jede einzelne von uns kam rein gar nichts anderes in Frage, als ihren eigenen Willen durch zusetzten. 

Des öfteren habe ich mehrmals ganz tief ein- und ausatmen müssen, manchmal habe ich mir selbst eine Auszeit auf den „Time-out-stool“ gegeben. Zugegebenermaßen war mein stolzes Löwenherz anfangs sehr gekränkt. Doch am Ende habe ich erkannt, dass Stärke nicht bedeutet, meinen Willen zu bekommen. 

Mehr Toleranz 

Bislang habe ich mich für eine ziemlich tolerante Person gehalten. Als neues, temporäres Mitglied in einer fremden Familie im Ausland wurde meine Toleranz dann aber auf die Probe gestellt. Sachen liefen komplett anders, als ich es gewohnt war, als ich es gelernt habe und als ich es für gut und richtig befinde. Anfangs war es schwer für mich unvoreingenommen diese neuen Eindrücke willkommen zu heißen. Im Kopf habe ich immer verglichen, ich habe die Unterschiede gesehen, bewertet und meistens habe ich die mir vertraute Weise als besser befunden. Trotzdem wollte ich ich verstehen und die Kultur noch tiefer kennen lernen. 

Je Größer die Unterschiede dann wurden, desto weniger habe ich verglichen, desto seltener bewertet. Ich habe verstanden, warum Dinge hier so laufen, wie sie laufen. Und ich habe gelernt, dass es kein richtig und kein falsch gibt. Es gibt unsere Diversität und für jeden Menschen ist etwas anderes die eigene Wahrheit. Es macht Spaß sich über die unterschiedlichen Wahrheiten auszutauschen, zu staunen und zu lachen. Und am Ende sind wir trotz den Unterschieden, doch alle einfach nur Menschen. 

Fazit

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich nochmals als Au Pair arbeiten würde. Da antworte ich mit einem ganz klaren Jein! Nun rückblickend betrachtet, hatte ich eine wundervolle Zeit in meiner Familie. Trotz aller Schwierigkeiten, trotz all meiner Verzweiflung. Ich habe mich willkommen und wohl gefühlt, vom ersten Moment an war ich ein Teil der Familie. Ich durfte einzigartige Dinge erleben, zauberhafte Landschaften sehen, das Leben einer australischen Farmfamilie von Grund auf kennen lernen, lachen, weinen und noch viel mehr lernen, ich hatte die Möglichkeit tief in das Land und die Kultur einzutauchen. Es war nicht leicht für mich und ich habe gelernt, dass Au Pair und Kinder nicht meine Berufung sind. Somit werde ich mich nicht für einen weiteren Au Pair Job in Australien umschauen. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, irgendwann in einem neuen Land anfangs für eine Weile wieder als Au Pair zu arbeiten. Meiner Meinung nach gibt es keine bessere Möglichkeit mehr über Land, Leute und Kultur zu lernen, als mit einer Familie zusammen zu leben. 

Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und bin nun umso dankbarer, dass ich nun weiter ziehen werde und in den nächsten Monaten erstmal keine Kinder um mich herum habe. 

Danke Pixie. Danke Rose. Danke Mabel. Ihr wart gute Lehrer.

Danke Sheree. Danke Trent. Ihr habt mir Kraft gegeben, mich bestärkt und so sehr geholfen. 

Danke, dass ich Teil eurer Familie sein durfte.

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