88 Tage

Disclaimer: Normalerweise fällt es mir super leicht meine Texte zu schreiben. Es ist immer ein one take. Vom ersten bis zum letzten Buchstaben fließen die Worte nur so aus mir heraus. Für einen Text brauche ich eigentlich nie länger als 30 Minuten. Aber dann ist hier dieser Text. Der Text, den ich unbedingt schreiben will. Doch sitze ich bereits mehrere Tage daran, und er ist immer noch nicht fertig. Immer und immer wieder komme ich ins stocken. Anstatt Worten fließen Tränen. Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden. Nein, überhaupt Worte zu finden. All das, was ich erlebt habe, nochmal Revue passieren zu lassen, ist schmerzhaft. Doch ich weiß auch, dass es essentiell wichtig ist, damit ich das Geschehene verarbeiten und mir verzeihen kann. Und noch wichtiger, ich möchte denen eine Stimme geben, die nicht für sich selbst sprechen können. Ich schreibe diesen Text nicht nur für mich, ich schreibe ihn für Millionen andere. Mein größter Wunsch ist es, dass ich es schaffe, dich zu berühren. Dass du anfängst, denen ohne Stimme zuzuhören. Daher habe ich eine kleine Bitte an dich. Wenn du dir die Zeit zum Lesen nimmst und danach noch 5 Minuten deiner Zeit übrig hast, gib mir bitte ein Feedback. Auf welcher Weise ist ganz egal. Es kann ein Kommentar, eine E-Mail, eine Instagram Nachricht oder was auch immer sein. Danke vom ganzen Herzen ❤️ 

Ich hatte erwartet, dass es hart werden wird. Doch irgendwie anders. Es kommt immer anders, als man denkt. Und so sind auch meine 3 Monate auf einer Cattle Station in Central Queensland ganz anders verlaufen, als ich erwartet hatte. 

Die Farm, auf der ich meine Farmarbeit absolviert habe, ist mit 10.000 Hektar eher eine mittelgroße Farm in Australien. Dennoch musste man schon eine gute Stunde Fahrt einplanen, um von einem Ende zum anderen zu kommen. Auf den ganz großen Cattle Stations in Australien wird dann mit Helikoptern gearbeitet. 

Wenn es gut läuft, beherbergt die Farm 1.200+ Rinder. Momentan leidet Australien aber unter einen jahrelangen großen Dürre, daher wurden vor der Trockenzeit, die im Winter im tropischen Central Queensland herrscht, mehrere hundert Rinder verkauft. 

Farming in Deutschland und Australien ist nicht zu vergleichen. Es liegen komplett andere Grundbedingungen, Klima und Land zugrunde. Hier verbringen die Rinder ihr Leben draußen auf  riesengroßen Wiesen. Manche Wiesen sind so groß, dass pro Rind 400 Hektar zur Verfügung stehen. Damit sind das dann wohl, die von Fleischessern so genannten „glücklichen Tiere“. 

Ein ganz großer Vorteil der Arbeit auf einer Farm ist, dass man den ganzen Tag draußen ist. Viel zu selten habe ich das wirklich wertgeschätzt. Außerdem ist es außerordentlich pittoresk. In welchem Job sonst, fährt man über endlos wirkende Wiesen, wahlweise dem Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang entgegen. Aus dem hohen Gras fliegen zahlreiche Schmetterlinge hinauf. Aus dem Gebüsch kommt ein kleines Joey gehüpft, gefolgt von seiner Mama. Eine Schar Kakadus fliegt über einen hinweg. Dieses Szenario hatte ich tagtäglich mehrmals. Okay, ich will nicht lügen – es gab jeden Tag nur einen Sonnenaufgang und auch nur einen Sonnenuntergang.

Ich habe es geliebt, den ganzen Tag draußen in der Natur zu verbringen. Ich habe es geliebt, wirklich mit meinen Händen zu arbeiten, abseits von dem rumhacken auf einer Computertastatur. Ich habe es geliebt, Dinge zu bauen und zu reparieren. Ich habe es geliebt, Quad und Traktor zu fahren. Ich habe es geliebt, mir jeden Tag neue Fähigkeiten anzueignen. 

Doch dann kommt das aber…

Es ist eine Rinderfarm. Es geht darum, Rinder zu züchten, um sie dann später zu töten.

Es fällt mir wahnsinnig schwer darüber zu schreiben. Ich habe Dinge erlebt, die ich niemals wieder vergessen werde. Ich habe Dinge getan, für die ich mich mein Leben lang hassen werde. Ich habe Bilder im Kopf, die mir die Kehle zuschnüren. Allein der Gedanke daran, treibt mir wieder die Tränen in die Augen. 

In den vergangenen drei Monaten habe ich oft geweint. Die grausame Brutalität, mit der die Rinder behandelt werden, ist kaum vorstellbar. Und somit möchte ich gleich zu Beginn eines vorweg nehmen: Es gibt kein glückliches Tier in der Fleischindustrie. Auch wenn die Rinder augenscheinlich glücklich auf der großen Wiese leben, kommt der Tag, an dem sie mit Menschen in Kontakt kommen. 

Allein anhand aus Tatsache, wie die Farmer mit den Tieren sprechen, lässt sich schon viel schließen. Überlege doch mal, wie du mit deinem Hund, deiner Katze oder deinem Pferd redest? Wie würdest du mit einem kleinen Kälbchen reden, was dich mit großen Augen anschaut? Vermutlich würdest du liebevoll, mit ruhiger Stimme reden. Vielleicht würdest du ihm einen niedlich klingenden Kosenamen geben. Ich habe es zumindest so getan. „Kleines“ oder „Honey“, „mein Großer“ waren dann Bullen. So habe ich in den Yards mit den Rinden kommuniziert. Dahingegen hatten die Farmer ganz andere Kosenamen für die Rinder wie „Bitch“ und „Piece of Shit“. Wen schockt es da, dass sie die Tiere genauso behandelt haben? Wie ein Stück Scheiße. 

Es gibt das schöne Zitat, das besagt, dass du auf deine Gedanken achten solltest, denn sie werden zu deinen Worten. Deine Worte werden zu deinen Handlungen. Deine Handlungen werden zu deinen Gewohnheiten. Deine Gewohnheiten, werden dein Charakter und dein Charakter wird dein Schicksal.

Ist es somit verwunderlich, dass einer der Farmarbeiter selbst seinen 3-jährigen Sohn „Dickhead“ genannt hat? Aber darum soll es jetzt nicht gehen. 

Als Piece of Shit wurden die Rinder dann angeschrieen, geschlagen, ausgepeitscht oder mit Elektroschocks drangsaliert. Hatte sich eins der Rinder in dem engen Gang in den Yards verfangen, wurde auf brutalste Weise auf sie eingetreten, damit sie wieder aufstehen. Das passierte hauptsächlich mit Kälbchen. Sie sind so klein, dass sie sich in dem Gang drehen können. Sie haben so viel Angst, dass sie panisch übereinander hinweg steigen. Da passierte es regelmäßig, dass ein Kälbchen unter den anderen vergraben wurde und sich nicht mehr bewegte. Elektroschocks und Tritte waren da das Mittel der Wahl, um dem Kälbchen „aufzuhelfen“. 

Die Arbeiter schreckten selbst nicht davon zurück, Kälbchen mit dem Quad zu überfahren. Das Quad wurde genutzt, um die Rinder auf der Wiese zusammenzutreiben und dann von A nach B zu bringen. Es gab immer mal wieder Ausreißer. Da auch hauptsächlich bei den Kälbchen, die das eben noch nicht so oft gemacht hatten, und verständlicherweise durch ihrer früheren Erfahrungen mit Menschen, große Angst vor uns hatten. 

Aber selbst große Bullen wurden in die Knie gezwungen. Nach einem aufwendigen Auswahlverfahren, werden nur die besten der besten Bullen zur Zucht behalten, die „B-Ware“ geht in den Verkauf. Der ganze Rest, ist dann für die Fleischverarbeitung bestimmt. In diesem Werdegang möchte man keine Bullen haben. Obwohl Bullen besser Fleisch ansetzten, werden alle Schlachtbullen kastriert. Sie würden sonst zu viel kämpfen und sich verletzten, hat man mir erklärt. Außerdem soll das Fleisch eines Bullen wohl anders schmecken, als das Fleisch eines Stieres. Offensichtlich bevorzugen die Konsumenten wohl das Fleisch von Stieren gegenüber den von Bullen.

Ich weiß nicht, wie die Kastration außerhalb des Staates Queensland abläuft. Doch angenehm wird es wohl niemals sein. Queensland ist der einzige Staat in Australien, in dem es legal ist die Bullen mit Strom zu paralysieren. Allein der Fakt, dass diese Prozedur in 6 von 7 Staaten illegal ist, belegt wie grausam sie ist. 

Die Kastration läuft also wie folgt ab: Dem Bullen wird eine Klammer am Mundwinkel befestigt. Eine weitere Klammer, mit einer dicken etwa 3cm langen Nadeln wird direkt neben dem After befestigt. Allein dieser Vorgang, muss schon sehr schmerzhaft sein. Jedes mal haben die Bullen fürchterlich dabei geschrieen. Dann wird der Strom angeschaltet. Es ist wortwörtlich ein Spiel zwischen Leben und Tod. Nur ein Hauch zu viel, und der Bulle hört auf zu atmen. Durch den Strom, ist der Bulle bewegungsunfähig und man kann, mit einer 98%iger Sicherheit nicht getreten zu werden, hinter dem Bullen knien, um ein Gummiband um den Hodensack zu spannen. Dieses Gummiband wird so fest gezogen, dass die Blutzufuhr gestoppt wird und der Hodensack dann irgendwann abstirbt. Das ist ein tagelanger schmerzhafter Prozess. Der Vorteil der Gummibandmethode gegenüber der Aufschneiden und Raus-Methode ist, dass es keine offene Wunde und somit keine Entzündungen geben kann. 

Manchmal geht es sehr schnell, dass das Gummiband fest um den Hodensack sitzt, und der Strom wieder ausgestellt werden kann. Öfter kommt es zu Komplikationen. Das Gummiband reißt, die Hoden liegen nicht bequem nebeneinander im Hodensack, sondern haben sich irgendwo anders hin verlaufen. Dann ist der Bulle mehrere Minuten lang unter Strom paralysiert. 

Manchmal kämpfen Bullen sehr dagegen an, und können allein durch ihre Willenskraft gegen mehrere Volt Strom in ihrem Körper sich immer noch bewegen. Dann wird einfach das kleine Rädchen gedreht, bis jeder Muskel – selbst die Lunge – unter der Elektrizität krampft. 

In beiden dieser Fällen ist es mehr, als der mächtige Körper eines Bullen verkraften kann. Nachdem die Prozedur überstanden ist, und der Strom ausgestellt wird brechen die Bullen nicht selten in sich zusammen. Es war zu viel und sie liegen regungslos am Boden. Könnt ihr erraten, was wohl eingesetzt wird, um den Bullen zum aufstehen zu bewegen? Ja klar! Elektroschocks! Manchmal dauert das mehrere Minuten. Mehrere Minuten, wird auf den Kopf des Bullen eingetreten. Selbst Nasenbluten stoppt die Leute nicht noch weiter zu treten, zu schlagen und zu elektroschocken. 

Mit schweren, wackeligen und langsamen Schritten bewegen sie sich dann in den Paddock und brechen dort sofort wieder zusammen. 

Gegenüber dieser Story erscheint der Vorgang der Trennung der Mutterkühe von ihren Kälbchen ja fast harmlos. Mit panisch weit aufgerissenen Augen, rufen die Kälbchen noch tagelang nach ihren Müttern. Es ist sogar passiert, dass eine Mutterkuh einen kilometerlangen Weg über mehrere Zäune hinweg  zu ihrem Kalb zurück gefunden hat. 

Wie ich schon sagte, ist Landwirtschaft in Australien und Europa vollkommen unterschiedlich. Dennoch, wird es dort, wo mehr Rinder auf viel engerem Raum sind (wie in einer Mastanlage), wohl kaum friedlicher zugehen. 

Ich will hier niemanden vorschreiben, wie er oder sie zu ernähren hat. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Hundewelpen und einem Kälbchen? Was ist der Unterschied zwischen einem Kälbchen und dem Steak auf deinem Teller? Was ich mir wünsche ist, dass jeder Mensch, der Fleisch isst, sich dem Prozess dahinter bewusst ist. Denn mit dem Kauf des Mettbrötchens, unterstützt du genau solche Methoden. 

Erst letztens habe ich einen schönen Spruch gelesen.

Du bist nicht vegan? Hat das unethische, unumweltbewusste oder ungesunde Hintergründe?“

Was ich damit sagen möchte, macht dir deinen Konsum bewusst und den Auswirkungen, die dieser Konsum hat. Wenn du weiterhin Fleisch essen möchtest. Okay, you do you. Aber dann entscheide dich bewusst dafür. Frage nicht den*die Veganer*in, warum er*sie vegan is(s)t. Frage den*die Fleischesser*in, warum er*sie Fleisch isst. 

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2 Kommentare zu „88 Tage

  1. Liebe Sabrina,
    Ich verfolge deinen Blog schon länger. Kathrin hat mit den link geschickt. Mich interessiert, wie es dir geht. Ich vermisse dich hier in Donop. Gleichzeitig bewundere ich dich für deinen Mut und deine Ausdauer. Danke, dass du uns an deinem Seelenleben teilhaben lässt. Du berührst mein Herz und fasst dass in Worte, was ich selbst oft fühle aber nicht ausspreche. Ich kenne diese innere Zerrissenheit, die Traurigkeit, andererseits die Dankbarkeit für die vielen kleinen Dinge und dann wieder das Gefühl, nicht zu wissen, wer man ist und wohin man gehört. Danke für deine Aufklärung, auch wenn es so weh tut. Ich fühle mich wie gelähmt und unter Schock. Das ist so grausam.
    Kathrin ist inzwischen Vegetariern und bei mir setzt auch ein Umdenken ein. Ich weiß nicht, ob ich komplett auf Fleisch verzichte. Ich bin noch mit Hausschlachtung groß geworden. Auf jeden Fall werde ich viel bewusster konsumieren und regional einkaufen. Dieses ist mein erster Kommentar und ich hätte ihn nicht geschrieben, wenn du nicht dazu aufgefordert hattest.
    Ich wünsche dir alles Gute, viel Kraft und Zuspruch

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebe Gudrun. Deine Worte bedeuten mir sehr viel.
      Jeder noch so kleine Schritt ist wichtig und gut. Es geht ja zunächst gar nichtmal darum, komplett auf Fleisch zu verzichten, sondern den Status Quo zu hinterfragen. Alles ist ein Prozess. Ernährung und Nachhaltigkeit genauso wie Selbstfindung (das Wort ist furchtbar abgedroschen und ich mag es eigentlich nicht); alles fließt mit dem Fluss des Lebens.
      Als ich Kathrin im März in Melbourne getroffen habe, habe ich sie neu kennen lernen dürfen. Du kannst stolz auf sie sein. Sie ist eine wunderbar selbstsichere Powerfrau geworden.
      Alles Gute für dich ❤️ ich freue mich öfter von dir hier zu lesen

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