Über Schwächen, Lob und das Ego

Ich habe so viele Ideen, über was ich gerne schreiben möchte. Aber ich kann keinen Text wirklich beenden. Selbst ganze Absätze für ein Buch schwirren mir bereits im Kopf herum. Doch dann vermischt sich alles um am Ende bin ich mit keinem Text hundertprozentig zufrieden. 

Da ist nun die Frage: Muss ich das? Ist es auch in Ordnung mit etwas nur 98% zufrieden zu sein, oder gar 60% und trotzdem damit zu gehen? 

Stell dir vor, du bist im Urlaub. Mit größter Sorgfalt, viele Recherche und vergleichen deiner favorisierten Unterkünfte, entscheidest du dich für „das Perfekte“. Mit großer Vorfreude checkst du ein. Doch dann – uh, also die Matratze ist ja schon etwas unbequem, die Dusche ist etwas kleiner als sie auf dem Foto wirkte und sowieso tröpfelt das Wasser eher aus dem Duschkopf. 

Würdest du dir dadurch deinen wohlverdienten Urlaub vermiesen lassen? Würdest du die Unterkunft wechseln? Würdest du dich beschweren? 

Oder würdest du die wunderschöne Aussicht vom Balkon wertschätzen, würdest du das fabelhafte kostenlose Frühstück genießen, und durch die große Freundlichkeit der Mitarbeiter hast du ständig ein Lächeln im Herzen. 

Obwohl ich nicht vollkommen zufrieden wäre, würde ich mich total auf das positive fokussieren und die kleinen Unannehmlichkeiten total vergessen. So ist es tatsächlich bei allem im Leben. Doch beim Schreiben da ist es anders. 

In den letzten Jahren habe ich immer gelernt Perfektionismus nicht so ernst zu nehmen. Ich habe gelernt, das Makel einen einzigartigen Charme verleihen. Ich habe sogar gelernt mir meine Schwächen einzugestehen, offen damit umzugehen, sie lieben zu lernen, sogar stolz auf sie zu sein. Doch nicht beim Schreiben. 

Wenn ich einen Text schreibe, um ihn am Ende zu veröffentlichen, dann habe ich den Anspruch, dass er sowas wie perfekt sein muss. Zumindest muss ich hinter jedem Wort und hinter jedem Komma stehen, was ich da aufs Papier gebracht habe. 

Das war bereits mit dem letzten Text nicht so. Ich habe ihn trotzdem veröffentlicht – als Übung für mich und mein Ego. Üblicherweise kündige ich neue Blogposts in einer Instastory an, aber nicht mit diesem. Die Scham ist zu groß. Wieso sollte ich der Welt verkünden, dass ich einen Text veröffentlicht habe, auf den ich nicht stolz bin? 

Im Gegensatz dazu, wenn es um die klischeehaften Eigenschaften der Deutschen geht, kann ich ohne Probleme zugeben, dass ich relativ gut darin bin unhöflich zu sein. Auch kann ich euch erzählen, wie rechthaberisch ich bin. Wie gerne ich Menschen auf ihre Fehler hinweise. Wie gerne ich es habe, wenn alles nach meiner Nase läuft. Ich bin bossy. Ich mag es nicht Regeln aufgesetzt zu bekommen und bin schlecht darin Anweisungen zu folgen. Kritikfähig bin ich auch nicht. Achja, und faul bin ich auch. Teamfähigkeit kenne ich nicht, da habe ich in Bewerbungsschreiben immer gelogen.

Es ist sehr befreiend sich seine Schwächen so offen einzugestehen und es macht sogar Spaß sie offen zu kommunizieren. Hast du das mal versucht? Und zwar nicht diese typische Bewerbungsgesprächsituation „Ja, also meine größte Schwäche ist Perfektionismus“ sondern brutal ehrlich. Eben die Sachen, die so richtig unangenehm sind. 

Doch ein jeder hat sein Kryptonit und meines ist das Schreiben. Das zeigt mir, welche negativen Auswirkungen Lob haben kann. Versteht mich nicht falsch, Lob ist toll. Es fühlt sich gut an. Es kreiert dieses wohlig warme Gefühl im ganzen Körper. Es hebt deinen Kopf und streckt deine Wirbelsäule. Es lässt dich wortwörtlich 2cm wachsen. Es tut gut zu wissen, dass ein anderer Mensch, das was du tust, gut findet. Das lässt dich weiter machen. Doch am Ende ist es einfach nur eines – ein mega Push fürs Ego. 

Dann besteht die Gefahr, dass dein Ego so groß wird, dass du nicht mehr drüber hinweg schauen kannst. Es steht dir im Weg und du magst dir keine Fehler erlauben, da es dann kein Lob geben wird. Nichtmal von dir selbst.

Lob ist das Crack des Egos. Es gibt dir ein High, doch des verlangt immer mehr und am Ende kannst du nicht mehr ohne. 

Also um den Kreis zu schließen. Was wäre, wenn wir generell mit dem Zufrieden sind, was wir haben, statt mehr zu wollen?

Die Bewegung des Minimalismus hat erkannt, dass immer mehr Konsum und Besitz nicht glücklich macht und wie viel Zufriedenheit aber entsteht bei der Fokussierung auf das, was da ist. Weniger zu haben, schafft mehr Bewusstsein für das, was tatsächlich da ist. Ich denke, es ist möglich dieses Prinzip nicht nur auf die materielle Welt, sondern auch auf die immaterielle Welt anzuwenden.

Statt uns immer weiter optimieren zu wollen, immer mehr zu wollen, ist es doch mal eine wirklich nette Abwechslung uns so anzunehmen wie wir sind – nicht perfekt.

Am Ende läuft es doch immer auf diese verdammte Selbstliebe hinaus.

No matter what’s the question – love is the answer.

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