Reisemüdigkeit

Nach dem Roadtrip durch Australien setzte bei mir eine schwere Reisemüdigkeit ein. Ich war übersättigt an neuen Eindrücken. Die Idee einen weiteren Nationalpark zu erkunden oder in einem Wasserfall zu schwimmen löste keine Aufregung mehr aus sondern lähmte mich eher. 

Wieder einmal fühlte ich mich so allein mit meinen Gefühlen und so unfassbar falsch. Viele Leute hatten mir im Vorfeld erzählt, wie traumhaft schön Darwin doch sei. Ich würde es lieben, prophezeiten mir alle. 

Dann nach 6 Wochen des kontinuierlichen Unterwegsseins, jeden Morgen an einem neuen Ort aufwachen, jeden Tag erneut zurechtfinden, konnte ich nicht mehr weiter. Nach so vielen traumhaften Stränden, majestätischen Bergen, großartigen Wasserfällen und zauberhaften Wäldern, wollte ich nicht noch mehr sehen. 

Darwin ist umgeben von sagenhaft schönen Nationalparks, und ich habe keinen einzigen gesehen. Selbst die Gelegenheit wilde Salzwasserkrokodile zu erleben, reizte mich nicht mehr. Mein liebster Ort in Darwin war das Bett meines Hostels. 

Es fühlte sich an, als ob ich meine Zeit verschwenden würde. Doch ich konnte nicht anders. Nach der Farmarbeit, wo ich ja drei Monate an einem Ort leben werde, würde alles besser werden, besänftigte ich mich. Doch die Reisemüdigkeit hielt an. Ich nahm sie nicht nur mit zur Gold Coast, sondern flog mit ihr auch weiter nach Indonesien. 

Auf Java hat sich die Reisemüdigkeit dann bereits zu einer Reisekrise entwickelt. Wieso reise ich überhaupt? Was ist der Sinn? Was bringt es mir jetzt noch den hundertsten Wasserfall zu sehen? Wie ist es möglich das Reisen und die Dinge, die ich erlebe nicht als selbstverständlich anzusehen? Wie schaffe ich es, die einzigartige Schönheit wahrzunehmen und vor allem wertzuschätzen? 

Über all diese Fragen unterhielt ich mich mit anderen Langzeitreisenden. Wie machten sie das? Immer wieder erhielt ich mit einem Schulterzucken die Antwort „Keine Ahnung, sowas kenne ich nicht.“ 

Dann kam der Tag, als ich zusammen mit Asim und vier anderen Reisenden den Mount Salak bestiegt. Auf dem Weg nach oben sprach ich mit den Leuten über Travel Blues, doch auch sie konnten mir nicht weiter helfen. 

Da war ich nun also, ich mache mir die Mühe und zahle sogar Geld für einen Guide, um diese Wanderung zu machen und habe eigentlich nicht so richtig Lust darauf. Trotz dieser tiefen Krise kam für mich nie in Frage nach Deutschland zu fliegen. Das würde meine Situation noch weiter verschlimmern – vom Regen in die Traufe. 

Habe ich es nun schlussendlich geschafft diese Krise zu überwinden? Und wenn ja, wie? 

Mittlerweile habe ich viele andere Reisende getroffen, die genau wie ich unter Reisemüdigkeit litten oder leiden. Obwohl ich mich anfangs so alleine damit gefühlt habe, ist es ein sehr häufiges Phänomen, welches fast jeden Langzeitreisenden mindestens einmal auf seiner Reise trifft. 

Mein Durchbruch war es etwas zu erleben, was ich vorher noch nie erlebt habe  – einen aktiven Vulkan zu besteigen. In diesem Moment, auf dem Vulkan, hat sich meine Reisekrise in Luft aufgelöst. Ich war wieder aufgeregt und begeistert. Ich möchte in jedem Wasserfall schwimmen. Ich kann jede Aussicht genießen. Ich will einsame Strände entdecken. Ich habe Lust mich in den Tiefen des Dschungels zu verlieren, um mich zu finden. Mit Begeisterung probiere ich Essen, was ich zuvor noch nie gesehen habe und weder weiß, was drin ist noch wie es heißt. Ich weiß wieder den Sinn hinter meiner Reise und erfülle ihn jeden Tag. Ich genieße und lebe jeden Moment und freue mich gleichzeitig auf alles, was noch kommen wird. Meine Reiselust und -liebe könnte nicht größer sein.

Hier ist also mein Rezept gegen Reisemüdigkeit:

Step 1: Akzeptieren

Nimm deine Gefühle und die Situation an. Fühl dich nicht schlecht und schäme dich nicht, wenn du lieber im Hostel bleibst, während deine Freunde unterwegs zum Strand sind. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung und möchte dir etwas sagen. Hör ihm also in Ruhe zu.

Step 2: Ausruhen

Gönn dir eine Pause, die deine Seele und dein Körper von dir verlangen. Umgib dich mit Bekanntem. Vielleicht ist es eine Serie, die du gerne schaust oder ein Buch, welches du bereits fünf mal gelesen hast. Gib dir selbst eine Extraportion Selfcare und Selflove.

Step 3: Abenteuer erleben

Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem du einfach wieder raus gehst. Es wird genau zum richtigen Zeitpunkt geschehen, erzwing es nicht. Wenn du dich bereit fühlst, versuch etwas zu unternehmen, dass du bisher noch nie gemacht hast. Das wird deine Müdigkeit verschwinden lassen und dich voll neuer Wanderlust zurück lassen. Du wirst wieder wissen, was dein Warum ist.

Der Prozess kann mal kürzer und mal länger sein. Bei mir hat es 6 Monate gedauert. Solange du weißt, dass du weiter reisen möchtest, gib dir all die Zeit, die nötig ist. 

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