Vipassana

Knapp 11 Stunden am Tag meditieren. Jeden Tag. Für 10 Tage infolge. Kein Handy, kein Netflix oder Bücher, um von den eigenen Empfindungen und Gefühlen abzulenken. Keine Kommunikation in irgendeiner Art – weder verbal noch nonverbal. Selbst Schreiben ist nicht erwünscht. Strickte Trennung zwischen Männer und Frauen. Jeden Morgen um 4 Uhr aufstehen, und das obwohl die letzte Meditation am Vorabend erst um 21 Uhr geendet hat. Leben, wie eine Nonne im Kloster. 

Das ist Vipassana. 

Im Dhamma Java habe ich diese Erfahrung machen dürfen. Bin ich nun erleuchtet? Oder gar einer Sekte beigetreten? Und überhaupt, wieso macht man sowas? 

„Was um alles in der Welt mache ich eigentlich hier?“ diese Frage habe ich mir während den 10 Tagen unzählige Male gestellt. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht mehrmals darüber nachgedacht habe, den Meditationskurs abzubrechen. 

Tagesablauf
4:00 Aufstehen
4:30 – 6:30 Meditation
6:30 – 8:00 Frühstück 
8:00 – 9:00 Meditation
9:00 – 11:00 Meditation
11:00 – 12:00 Mittagessen
12:00 – 13:00 Pause/bei Bedarf Gespräch mit dem Lehrer
13:00 – 14:30 Meditation
14:30 – 15:30 Meditation
15:30 – 17:00 Meditation
17:00 – 18:00 Teepause
18:00 – 19:00 Meditation
19:00 – 20:15 Theorie
20:15 – 21:00 Meditation
21:00 – 21:30 Bei Bedarf konnten dem Lehrer Fragen gestellt werden
21:30 Nachtruhe

Wie war es diesem Plan für 10 Tage zu folgen?

Warum? 

Wie ich von Vipassana erfahren habe, weiß ich gar nicht mehr. Die Idee diesen 10-Tages-Meditationskurs zu machen, schlummerte schon seit Ewigkeiten in meinem Kopf. 

Es ist ausdrücklich keine religiöse Praxis, sondern eine Technik, die Achtsamkeit lehrt. Es gab einen Zeitpunkt, da habe ich einfach gespürt, dass das nun genau das ist, was ich brauche. Und somit habe ich mich dafür angemeldet. 

Bereits Wochen vor dem Start des Kurses hatte ich große Angst. Der Gedanke über 10 Tage vollkommen allein mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen zu sein, löste in mir den Drang aus wegzulaufen. Diese spezielle Art von Angst kenne ich. Diese Angst kommt immer, wenn es eine Möglichkeit gibt zu wachsen und zu lernen. Raus aus der eigenen Komfortzone und rein in das Ungewisse. 

Das Ungewisse starte organisierter, als ich angenommen hatte. Nochmals alle meine Daten aufschreiben, physische und psychische Krankheiten und andere Dinge aus der Vergangenheit, die ich bevorzuge zu verdrängen. Zusammen mit meinen Daten gab ich meinen Reisepass und mein Handy ab. Ich nahm mir ein Edelstahltablett und stellte es auf dem Platz im Speisesaal ab, er für die kommenden 10 Tage meiner war. Schlagartig war es da, das Gefühl gefangen zu sein. 

Noch hatten wir die Möglichkeit uns mit unseren Mitmeditierenden zu unterhalten. Alle waren aufgeregt, alle freuten sich. Einige waren bereits das zweite, dritte oder sogar vierte Mal bei einem Vipassana-Meditationskurs. Ich war die einzige mit Angst und bereits jetzt dem Gefühl in einem Gefängnis zu stecken. Das erzeugte noch mehr Angst in mir. 

Die Einführung war super locker und nahm mir etwas die Angst. Doch dann ging es los. Die erste Meditation und damit startete die sogenannte „Noble Silence“. Ab nun wird 10 Tage geschwiegen. Ab nun wird 10 Tage meditiert. 

Wie wars? 

Die Schmerzen im Rücken waren am ersten Tag unerträglich. Doch hatte ich das bereits im Vorfeld erwartet. Wunderbarerweise waren die Schmerzen bereits am zweiten Tag nicht mehr nennenswert vorhanden und ab Tag 3 komplett verschwunden. Auch das Problem, dass mein linkes Bein nach exakt 15 Minuten meditieren immer einschläft, verschwand als ab Tag 4 mit „Strong Determination“ meditiert wurde. Strong Determination bedeutete, dass man die gewählte Position für eine komplette Stunde nicht verändert. Obwohl mein Bein beim ersten Mal furchtbar kribbelte und schmerzte, hielt ich durch und ab da an schlief mein Bein nie wieder ein. Das Gefühl des gefangen seins verfestigte sich jedoch sehr schnell, sehr stark. 

In den ersten Tagen meditierte ich sehr ernsthaft. Doch ich spürte eine große Wut in mir aufsteigen und der Mangel diese Wut auszudrücken, machte sie noch stärker. Ich sprach mit dem Lehrer darüber und er meinte, dass das Ausdrücken meiner Wut diese nur verstärken würde und, wenn ich sie gleichmütig betrachte (wie es Vipassana lehrt), würde sie sich auflösen. Das widersprach allem, was ich für richtig hielt. Und obwohl ich Vipassana eine faire Chance geben wollte, kämpfte mein Inneres dagegen an. Für mich, meine Seele, meinen Geist war diese Theorie einfach unlogisch. Es war gegen alles, was ich bisher über Gefühle gelernt und erfahren hatte. Meine Gefühle nicht auszuleben bedeutete für mich gleich, sie in mich hineinzufressen. 

Als Akt der Rebellion fing ich an nicht mehr ganz so ernsthaft zu meditieren. Zu manchen Meditationszeiten war es uns freigestellt in der großen Meditationshalle oder in unserem Zimmer zu meditieren. Immer dann wählte ich die Option Schlafen. 

Meditationshalle
Meditationshalle

Es nervte mich einfach alles total – die Freiheitsberaubung, kein Essen am Abend, die Stimme und das Chanting von Goenka, die Technik an sich, mich nicht ausrücken und mitteilen zu können, der fehlende menschliche Kontakt. Ich war vollkommen auf Rebellion eingestellt und sah es überhaupt nicht ein dort noch irgendwelchen Regeln zu befolgen. 

In dem Meditationszentrum ware wir komplett von der Außenwelt abgeschirmt. Es gab keine Eindrücke zu verarbeiten. Mein Gehirn spielte in den ersten Tagen vollkommen verrückt. Doch dann kam ich zur Ruhe und hatte die einzigartige Gelegenheit viele Dinge zu verarbeiten. Ich träumte jede Nacht und selbst in jedem 5 Minuten-Nickerchen total intensiv. Doch am Ende wurde auch das langweilig und mein Geist tagträumte mich an einen anderen Ort. 

Und danach? 

Obwohl ich mich wirklich durch die 10 Tage quälen musste und immer wieder eine Stimme in mir verlockend säuselte, wie schön es doch wäre abzubrechen, hatte ich den eisernen Willen bis zum Schluss zu bleiben. Man sagte, dass man nur dann den Kern von Vipassana erfahren kann, wenn man die kompletten 10 Tage bleibt. Ich wollte also die volle Erfahrung mitnehmen und nicht am Ende denken, dass ich es nicht gut fand, weil ich bereits am dritten Tag das Handtuch geworfen habe. Aber vor allem wollte ich mich mit den anderen austauschen. Ich wollte wissen, wie es ihnen ergangen ist und was sie fühlten und dachten. Das gab mir die Kraft durchzuhalten. 

Am letzten Tag, als wir dann endlich wieder reden durften, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Das Glücksgefühl, wenn du nach 10 Tagen das Grundbedürfnis nach sozialen Kontakt wieder erfüllen kannst, ist unglaublich. 

Vipassana Meditation

In Gesprächen mit den anderen Teilnehmern erfuhr ich, dass es einigen wenigen genauso ging wie mir. Die meisten jedoch profitierten sehr von dem Kurs und der Technik. Es war interessant, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen waren.

Erst einige Tage später, als ich wieder in der „normalen Welt“ war, fiel mir auf, wie viel durch Vipassana in mir aufgewühlt wurde. Ich war innerlich verwirrt und im totalen Gefühlschaos. Es war schwer die vielen verschiedenen Eindrücke – Geräusche, Gerüche, die vielen Menschen, visuelle Eindrücke – zu verarbeiten. Ich war total überfordert und musste mir eingestehen, dass, obwohl ich gegen Vipassana rebelliert habe, es etwas mit mir gemacht hat. 

Fazit

Nun sind bereits einige Wochen vergangen und ich bin dankbar, dass ich den Vipassana Meditationskurs gemacht habe und vor allem, dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe. Durch Vipassana habe ich die wunderbarsten Menschen kennen lernen dürfen. Auch habe ich sehr viel über mich gelernt. Mir war, zum Beispiel, bisher nicht bewusst, wie stark mein Freiheitsdrang tatsächlich ist und wie schwer es mir fällt Anweisungen und Regeln zu folgen. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es mir ist meine Gefühle nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch auszuleben und auszudrücken. 

Rückblickend war der Vipassana Kurs vermutlich ein wichtiger Schlüsselmoment in meinem Leben. Es hat meinen Weg geebnet und sogar Schilder angebracht. Durch alles, was nach Vipassana folgte, habe ich tiefes Vertrauen und Zuversicht, ungeahnte Stärke, und eine klare Vision erlangt. 

Dennoch werde ich (wahrscheinlich) keinen weiteren Vipassana Kurs machen. Die Lehre ist mir zu dogmatisch, engstirnig, intolerant und zu propagandierend. In dem abendlichen Diskurs wurde wiederholt behauptet, dass Vipassana der einzig richtige Weg. Einmal wurden wortwörtlich die Worte „die einzig wahre Religion“ verwendet. Immer wieder wurde gesagt, dass man nur durch Vipassana Erleuchtung erlangen kann. 

Auch wurden Thesen von Goenka aufgestellt, welche dann mit dem Argument „das ist Naturgesetzt“ belegt worden sind. Wo ist die Grenze zur Gehirnwäsche? 

Neben Vipassana soll man keine andere Technik verfolgen. Ganz gleich ob eine andere Meditationstechnik, Yoga oder ähnliches. Da stellt sich mir die Frage, wie schwach eine Lehre sein muss, dass sie keine anderen neben sich toleriert? Auch spricht es Menschen ihre Individualität ab. Jeder Mensch ist unterschiedlich, für jeden funktioniert etwas anderes oder ein Mix aus verschiedenem. Für mich ist es im Leben wie auch in Spiritualität wichtig, dass man das findet und macht, was für einen persönlich am besten funktioniert. 

Jedem, der an Vipassana interessiert ist und den Ruf hört, sollte dem folgen. Die Erfahrungen, die dort gemacht werden, sind so unterschiedlich, wie auch wir sind. Wenn du dich Vipassana anzieht, dann aus einem Grund. Es wird sich lohnen dem zu folgen und herauszufinden, was Vipassana für dich bereit hält.

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