Mount Salak

Der Schweiß tropft von meiner Stirn. Ich kämpfe mich immer und immer weiter den Berg hinauf. Die schwüle Hitze lässt meinen Atem schwerfällig werden. Ich zwinge meine Beine weiter zu gehen. Mit jedem Schritt fallen mir Dinge ein, die ich stattdessen tun könnte – ein Wellnesstag im Spa zum Beispiel. Schweigend geht unsere Wandergruppe hintereinander weg durch die engen geschlungenen Pfade tief im Dschungel. Jeder ist mit sich und seinen Gedanken beschäftigt. Meine Gedanken kreisen. Warum bin ich hier? Warum mache ich das? Warum reise ich? Warum habe ich dieser Wanderung zugestimmt? Warum noch einen weiteren Wasserfall sehen? Sind sie nicht irgendwann eh alle gleich? Ist es überhaupt möglich als Langzeitreisende*r noch freudige Aufregung und Vorfreude zu spüren? Kann man die Dinge noch wertschätzen? Was ist so besonders an diesem Ort, um einen ganzen Tag zu wandern? 

Mit Vorfreude lässt sich jeder Gipfel – ganz gleich ob es sich wortwörtlich um einen Berg handelt oder er metaphorisch zu Verbildlichung dient – leichter erklimmen. Somit versuche ich Asim, Julia und Maresh in ein Gespräch zu verwickeln. „Wie schafft ihr es auf euren Reisen begeistert zu bleiben und eure Erlebnisse wertzuschätzen? Seid ihr noch aufgeregt, wenn ihr einen neuen Wasserfall entdeckt? Wird euch das Reisen nicht langweilig?“ Sie alle zucken mit den Schultern. Schweigend gehen wir weiter. 

Der Weg scheint nie zu enden. In 20 Minuten sind wir da, versucht uns unser Guide mit seinem limitierten Englischkenntnissen verstehen zu geben. Wir biegen um eine weitere Kurve des dicht bewachsenen geschlungenen Weges. Holy Shit! Diesen Geruch kenne ich noch aus dem Chemieunterricht in der Schule – Schwefel. Wir stehen in der Mitte eines kleinen Flusses. Die Steine sind weiß überzogen und es liegt der furchtbare Gestank nach faulenden Eiern in der Luft. 

Wir steigen immer weiter nach oben Richtung Gipfel und der Gestank wird immer stärker. Bis plötzlich dort hinten, hinter der Kuppe erspähe ich aufsteigenden Rauch. Da wird mir bewusst – ich bin verdammt nochmal auf einem aktiven Vulkan! 

Wie verrückt fange ich an zu lachen. Besorgt schauen sich die anderen zu mir um. „Auf einen aktiven Vulkan zu steigen, ist der Lebenstraum einer meiner besten Freunde. Ich habe nie etwas darauf gegeben. Und doch bin ich nun einfach hier – ohne es zu wollen, ohne es zu planen, ohne es vorher gewusst zu haben – auf einem aktiven Vulkan. Wie verrückt ist das denn?“ versuche ich meinen Lachanfall zu erklären. Aber es steckt mehr dahinter. In diesem Moment fällt die Last des langen Hinterfragens, die Schwere meine Reisekrise von mir ab. Ich bin aufgeregt. Wie, wenn ich in der Ferne das Meer erblicke, kann ich es kaum erwarten näher dran zu gehen. Ich tänzel, ich hüpfe, ich laufe dem aufsteigenden Rauch entgegen. Ich fühle mich leicht und mein Herz ist erfüllt mit Vorfreude. Was werde ich wohl sehen? Wie wird es sein? Meine Neugier und Abenteuerlust ist mit einer ungeahnten Energie wieder da. 

 

 

Niemals im Leben hätte ich mir erträumen können, dass ich jemals auf einem aktiven Vulkan stehen werde. Ehrlich gesagt, sah ein aktiver Vulkan in meinen Vorstellungen auch eher aus, wie Mordor aus Herr der Ringe. Mount Salak ist da augenscheinlich um einiges freundlicher als Mordor. 

Auf Bahasa Indonesisch bedeutet der Name Gurung Salak soviel wie Silberberg. Die letzte Eruption war im Jahr 1938. 
Gurung Salak wird auch als Flugzeugfriedhof bezeichnet. Zwischen 2002 und 2012 gab es in der Region acht Flugzeugabstürze, bei denen insgesamt mehr als 80 Menschen starben. Der Grund für die vielen Abstütze sollen starke Turbulenzen und sich schnell ändernde Wetterbedingungen sein. Damit ist Salak wohl doch nicht viel freundlicher als Mordor. 

Immer wieder stoppt uns unser Guide, geht einige Schritte vor und überprüft, ob der Untergrund stabil genug ist. Ich möchte ehrlich gesagt gar nicht wissen, was passieren würde, wenn man aus Versehen auf die falsche Stelle treten und der Boden unter dem Gewicht nachgegeben würde. Zum Glück ist das Englisch des Guides auch so schlecht, dass er es gar nicht erklären könnte. 

Um uns herum brodelt es, es ist heiß, der Rauch ist dicht und der Gestank unerträglich. In diesem Moment habe ich die gesundheitlichen Risiken, die diese Wanderung durch Schwefeldunst haben könnte verdrängt und machte mir da keine weiteren Gedanken drum. Ob es nun wirklich daran liegt, oder es mag auch andere Gründe haben, doch ist mein Hormonhaushalt und mein Zyklus seitdem vollkommen durcheinander. 

Die Zeit in dem Vulkankrater vergeht, ohne dass ich es merke. Mit einem kindlichem Staunen begutachte ich jeden Zentimeter, ich versuche mir diesen Moment so genau wie möglich einzuprägen. 

Nachdem wir zwei Stunden wieder bergrunter gekraxelt sind, erreichen wir einen Wasserfall. Hier ist er also, der gefühlt hundertste Wasserfall, den ich in 12 Monaten sehe. Ein Vulkan ist ja etwas Neues, und deswegen aufregend. Wie wird es sich bei bei einem Wasserfall verhalten? Ich habe innerlich Angst, enttäuscht zu werden. Doch bereits als ich das Rauschen des Wassers in der Ferne wahrnehme, fängt mein Herz an freudig zu hüpfen. Ich liebe diese Gefühle. Dafür lebe ich. So spüre ich, dass ich am Leben bin. Meine Augen weiten sich, als ich den Wasserfall erblicke. Es ist kein besonders großer oder besonders schöner Wasserfall. Es ist ein einfacher, einsamer Wasserfall in mitten dichten Dschungels. Außer uns sind keine weiteren Menschen da. Ich komme gar nicht schnell genug aus meiner verschwitzen Kleidung heraus, um dann endlich mit dem größtem Grinsen in meinem Gesicht in das Wasser zu springen. 

Wasserfall.jpg

Ich lege meinen Kopf in den Nacken, stecke meine Arme aus und lasse mich vom Wasser tragen. Das ist mein Warum. Dafür Reise ich und für noch so viel mehr. Wie konnte ich das je in Frage stellen? Ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment des Tages – für die Wanderung, für den Vulkan, für den Wasserfall, für die Menschen, mit denen ich diesen Tag verbringen durfte und ja, sogar für die lange, abenteuerliche Autofahrt durch die kleinen indonesischen Bergdörfer, welche meinen Magen sehr auf die Probe gestellt hat. Auch den gefühlt hundertsten Wasserfall nehme ich also nicht als selbstverständlich hin, ich bin einfach aufgeregt. Die tiefen Gefühle von Glück, Dankbarkeit und Wertschätzung füllen meine Augen mit Tränen. Der Wasserfall und ich verschmelzen miteinander, wir werden eins. Ich lasse einen Teil von mir hier. Hier auf dem Vulkan und in dem Wasserfall, doch nehme ich dafür umso mehr mit. 

Wenn man bereit ist der Welt sein Herz zu öffnen, kommen die Wunder von ganz allein. 

Ein Kommentar zu „Mount Salak

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