Segeln

„Hi! I have a yacht. Would you like to go on a trip?“ während ich an meinem liebsten FKK-Strand in Auckland liege, überreicht mir ein älterer Herr eine Visitenkarte. 

„You’ll get raped and murdered!“ haben mir meine Freunde im Vorhinein prophezeit, als ich ihnen von dieser Begegnung erzählte. Von allen Seiten wird mir davon abgeraten an Bord von Bruces Segelyacht zu gehen. 

Was hättest du gemacht? 

Mich findet man dann wenige Wochen darauf mit Bruce auf seiner Yacht wieder. 

Es mag vielleicht erstaunlich klingen, doch bis heute wurde ich weder vergewaltigt noch ermordet. Als ich Bruce nach seiner Motivation fremde Menschen auf einen Segeltrip einzuladen gefragt habe, erklärte er mir, dass er gerade Frauen auf Segeltouren einlädt, um dem immer noch herrschenden Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern entgegen zu kämpfen. Er möchte Frauen die Möglichkeit geben einen männerdominierten Sport zu entdecken. Er möchte zeigen, dass Frauen alles machen können, was sie nur wollen und sie stärker sind, als sie zuvor ahnten. Auch sieht Bruce die Möglichkeit etwas zurück zu geben. Seine Tochter ist viel gereist, hat er mir erzählt, und sie hat überall auf der Welt die wunderbarsten Menschen getroffen. Sie wurde eingeladen und herzlichen willkommen geheißen. Mit zuvor fremden Menschen hat sie unvergessliche Momente erlebt. Bruce ist dankbar dafür, wie viel gutes seiner Tochter auf ihren Reisen widerfahren ist und wie viele Menschen die Reise zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Bruce selber ist nie gereist. Er ist so dankbar für die Menschen, die seine Tochter getroffen hat, sodass er nun so ein Mensch für andere Reisende sein möchte.

Disclaimer: Ich möchte nicht dazu auffordern, einfach naiv mit jedem fremden Menschen mitzugehen. Doch wäre die Welt ein viel schönerer Ort, wenn wir wieder anfangen würden an das Gute im Menschen zu glauben und nicht immer sofort davon ausgehen, dass andere uns etwas Böses wollen. Wir alle haben dieses Bauchgefühl in uns, unsere Intuition, und ich glaube fest daran, dass wir nur schwer etwas falsch machen können, wenn wir auf diese hören. Natürlich habe ich mich vorher auch abgesichert und recherchiert. Doch statt das nächste Mal jemanden vorherzusagen, dass er oder sie vermutlich vergewaltigt und ermordet werden wird, wünsche ganz einfach viel Spaß und eine unvergessliche Zeit.

Obwohl ich Bruce gesagt habe, dass ich keinerlei Erfahrung im Segeln habe, vertraut er mir vom ersten Moment das Steuer an. Erst als wir aus der Marina raus sind und das Segel hissen, wird mir bewusst, dass Segeln ja das ist, wo die Boote quasi quer im Wasser liegen. Mit einer Mischung aus Abenteuerlust und aufgeregtem, leicht ängstlichem Kribbeln in der Bust, drehe ich die Costa Minta seitlichem zum Wind. Und da ist es – dieses Geräusch, dass Segel machen, wenn sie Wind fangen. Ich habe es irgendwie vermisst, obwohl noch nie zuvor Segel war, ist dieses Geräusch so tief in mir verankert. Ich höre es seither immer und immer wieder in meinem Kopf, wie einen Ohrwurm. Dieses Geräusch wird zu meinem neuen Lieblingssong. Dieses Geräusch symbolisiert Freiheit mehr als alles andere. 

Mit aller Kraft stemme ich meine Füße gegen die Fußablage und ziehe das Ruder Richtung Steuerbord. 15 Knoten Windgeschwindigkeit lassen die Costa Minta nur so über das Wasser fliegen. Bereits jetzt weiß ich, dass ich mit dem Segeln etwas gefunden habe, was mich so schnell nicht wieder loslassen wird. 

Reisen mit null Emissionen, in vollkommener Einheit mit den Elementen sein; der Tagesablauf, die nächste Destination und Pläne werden von der Natur bestimmt. Es lohnt sich gar nicht einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, wenn sie noch nicht da ist. Der Wind kann sich wortwörtlich drehen und alle zuvor geschmiedeten Pläne werden hinfällig. Segeln ist Leben im Moment in Perfektion. 

Nichts hätte mich besser aus meinem stressigen Arbeitsalltag rausholen können, als Segeln. Segeln ist quasi wie campen nur mit viel weniger und gleichzeitig so viel mehr Möglichkeiten. Von einem Moment auf den anderen ist der ganze Stress der vergangen Monate von meinen Schultern gefallen. Nachmittags segeln wir immer zu einem neuen Ort, Abendessen, Sonnenuntergang schauen, schlafen, mit Sonnenaufgang aufwachen, Frühstücken, ans Land fahren, wandern, zurück zum Boot, schwimmen, und nach dem Mittagessen werden wieder die Segel gesetzt und ein neuer Ort wird angesteuert. Dieses einfache Leben ist genau, was ich gebraucht habe. Die Costa Minta ist nur 7,5 Meter lang. Das bietet also nicht viel Platz. Da ist es schon eine ganz besondere Herausforderung, wenn die Bedingungen es unmöglich machen zu segeln oder an Land zu gehen. Mit großer Sicherheit kann ich jetzt aber behaupten, dass ich nicht Seekrank werde. Die Wellen kamen von allen Seiten und haben mir das Gefühl gegeben im Schleudergang einer Waschmaschine zu stecken. Der Seegang hat mich nachts fast aus meinem Bett rausgeworfen. Als sich nach einem Tag und zwei Nächten die See dann wieder etwas beruhigt hatte, hat mir schon fast etwas gefehlt.

Nun bin ich wieder zurück am Land und ich kann es kaum erwarten, mein nächstes Segelabenteuer zu starten. 

Hätte ich jemals im Leben damit gerechnet Segeln zu gehen geschweige denn ein Boot selber zu segeln? Niemals! Nicht in meine kühnsten Träumen ist mir dieser Gedanke überhaupt in den Sinn gekommen. Das lag so weit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Doch dank Bruce haben sich mir neue Türen und neue Wege geöffnet. Dadurch, dass ich einfach ‚Ja‘ zu etwas gesagt habe, ist etwas, dass ich für unmöglich gehalten hatte, möglich geworden. Und wenn ich der kleinen 5-jährigen Sabrina jetzt sagen könnte, dass Piratin gar kein so verrückter Berufswunsch ist, hätte die große Sabrina vielleicht schon früher mal den Mut gehabt segeln zu gehen. 

2 Kommentare zu „Segeln

  1. Danke! Dein Text macht großen Mut, hier in Deutschland, wo gerade nicht mal Freunde miteinander ins Café gehen, aus Angst, sich irgendeinen Virus einzufangen. Misstrauen und Angst schwächen auf so vielen Ebenen. Danke, dass du zeigst, dass Vertrauen (und damit meine ich nicht blinde Vertrauensseligkeit) zu so Gutem führen kann! Herzlichen Gruß aus dem gerade haltlos verängstigten Deutschland… Sarah🙂

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